Das neue Jahr

Das neue Jahr

Das neue Jahr fühlt sich leise an

Der Jahreswechsel hat für mich etwas von einem Atemzug. Kein großes Innehalten, eher ein bewusstes Weiteratmen. Vielleicht liegt das daran, dass ich weiß, wie wenig sich von einem Tag auf den anderen wirklich ändert. Oder daran, dass ich Übergänge inzwischen ernster nehme als Neuanfänge. Das neue Jahr steht nicht vor mir wie eine unbeschriebene Fläche. Es steht neben mir, mit allem, was schon da ist.

Ich habe aufgehört, den Jahresanfang mit Erwartungen zu überfrachten. Früher gehörte das irgendwie dazu: Pläne, Ziele, eine klare Richtung. Heute merke ich, dass mich genau das eher unruhig macht. Nicht, weil ich keine Lust auf Entwicklung habe, sondern weil Entwicklung sich selten an Kalender hält. Sie passiert schleichend, manchmal widerständig, oft unbemerkt. Und erst im Rückblick wird klar, was sich wirklich verändert hat.

Das neue Jahr fühlt sich für mich deshalb nicht nach Aufbruch an, sondern nach Fortsetzung. Nach einem leichten Verschieben des Blickwinkels. Die Themen, die mich im alten Jahr begleitet haben, gehen nicht verloren. Sie laufen mit. Manche leiser, manche hartnäckig. Ich nehme sie bewusst mit, statt so zu tun, als könnte ich sie einfach zurücklassen.

Dieser Gedanke entlastet mich. Er nimmt mir den Druck, etwas „richtig“ machen zu müssen. Er erlaubt mir, ehrlich zu bleiben. Mir selbst gegenüber, aber auch gegenüber dem, was möglich ist – und dem, was es gerade nicht ist. Das neue Jahr beginnt für mich nicht bei null. Es beginnt mitten im Leben. Und genau das fühlt sich stimmig an.


Ich im Sommer am Rheinufer mit hellblauen Poloshirt und heller Hose und einen Sommerhut auf dem Kopf
Ich im Sommer am Rheinufer mit hellblauen Poloshirt und heller Hose und einen Sommerhut auf dem Kopf
Rollstuhlfahrer steht vor einem Aufzug und betätigt einen Knopf

Kein Neuanfang, sondern ein genaueres Hinsehen

Der Jahresanfang war für mich lange Zeit ein Moment, in dem Klarheit erwartet wurde. Jetzt musst du wissen, wo es langgeht. Jetzt brauchst du einen Plan. Heute weiß ich: Klarheit lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht nicht aus Vorsätzen, sondern aus Aufmerksamkeit. Aus dem genauen Hinsehen auf das, was trägt – und auf das, was Kraft kostet.

Ich merke, dass mir Fragen mehr helfen als Antworten. Weniger „Was kommt?“ und mehr „Was richtet mich aus?“. Was gibt mir Orientierung, auch dann, wenn der Weg nicht klar vor mir liegt? Was bleibt stabil, wenn äußere Strukturen wackeln? Diese Fragen begleiten mich ins neue Jahr, ohne dass ich sie sofort beantworten muss. Und genau das empfinde ich als wohltuend.

Der Alltag spielt dabei eine wichtige Rolle. Er macht keine Pause zum Jahreswechsel. Er bleibt beharrlich, fordernd, manchmal sperrig. Er interessiert sich nicht für gute Vorsätze. Und vielleicht ist genau das seine Stärke. Er holt mich immer wieder zurück ins Konkrete. Dorthin, wo sich zeigt, ob meine innere Ausrichtung trägt – oder ob sie nur gut klingt.

Im Alltag entscheidet sich, ob Entscheidungen Bestand haben. Ob etwas mehr ist als ein Gedanke. Das neue Jahr verschärft diesen Blick. Nicht, weil plötzlich alles auf dem Prüfstand steht, sondern weil Übergänge sichtbar machen, was schon länger da ist.

Innere Ausrichtung im Umgang mit Unsicherheit

 

Was mich am Jahresanfang besonders beschäftigt, ist weniger die Frage nach Zielen als die nach meiner inneren Ausrichtung. Wie bin ich unterwegs, wenn vieles offen ist? Woran orientiere ich mich, wenn schnelle Antworten fehlen? Bleibe ich bei mir, auch wenn es unübersichtlich wird?

Ich habe gelernt, Geschwindigkeit nicht mit Entwicklung zu verwechseln. Nicht alles, was möglich ist, ist sinnvoll. Nicht alles, was machbar ist, passt auch wirklich. Innere Ausrichtung entsteht oft dort, wo ich langsamer werde. Wo ich prüfe, statt sofort zu reagieren. Wo ich mir erlaube, eine Entscheidung reifen zu lassen.

Gerade im Zusammenhang mit Inklusion wird das sehr konkret. Inklusion ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist Alltag. Sie zeigt sich darin, wie selbstverständlich Unterschiedlichkeit Platz bekommt. Wie mit Rahmenbedingungen umgegangen wird. Wie aufmerksam Prozesse gestaltet sind. Hier braucht es weniger große Worte und mehr innere Klarheit darüber, woran ich mich orientiere.

Das neue Jahr bringt keine neue Inklusion. Es bringt neue Situationen. Neue Begegnungen. Und immer wieder die Frage, wie ich ihnen begegne – aufmerksam, klar, zugewandt oder eher getrieben.

Ein Mensch, sitzend, etwas gebeugt, die Hände zur Raute gefaltet. Ihm gegenüber eine nicht sichtbare Person, die offensichtlich eine Kladde und einen Stift hält

Rückblick als Orientierung, nicht als Abrechnung

Ein Blick zurück gehört für mich trotzdem zum Jahresanfang. Nicht romantisierend, nicht abrechnend. Eher nüchtern. Was hat funktioniert? Wo habe ich mich selbst überrascht? Wo bin ich an Grenzen gestoßen?

Dieser Rückblick erdet mich. Er bewahrt mich davor zu glauben, das neue Jahr müsse alles besser machen. Er zeigt mir, dass Entwicklung selten geradlinig verläuft. Dass Umwege dazugehören. Dass vieles erst im Nachhinein Sinn ergibt.

Ich nehme diese Erfahrungen mit. Nicht als Last, sondern als Orientierung. Sie helfen mir, das neue Jahr nicht mit falschen Erwartungen zu beladen. Sie schärfen meine innere Ausrichtung. Und sie erinnern mich daran, dass Stabilität oft leiser ist als Veränderung – aber nicht weniger wertvoll.


Zuversicht entsteht aus innerer Ausrichtung

Zuversicht stellt sich bei mir nicht automatisch ein. Schon gar nicht zum Jahresanfang. Sie ist kein Gefühl, das plötzlich da ist, nur weil ein neues Datum im Kalender steht. Zuversicht entsteht für mich aus innerer Ausrichtung. Aus dem Wissen, wo ich stehe – auch wenn der Weg vor mir nicht klar erkennbar ist.

Ich verbinde Zuversicht nicht mit Optimismus. Optimismus erwartet, dass es gut wird. Zuversicht trägt auch dann, wenn es schwierig wird. Sie bedeutet für mich, handlungsfähig zu bleiben. Mich nicht zurückzuziehen, nur weil Dinge unübersichtlich sind. Mich nicht klein zu machen, nur weil Antworten fehlen.

Gerade in Zeiten, in denen vieles gleichzeitig passiert, wird diese innere Ausrichtung entscheidend. Gesellschaftlich, beruflich, persönlich. Nicht alles lässt sich planen. Nicht alles lässt sich beeinflussen. Und doch bleibt immer die Frage: Woran orientiere ich mich? Was gibt mir Halt, ohne mich festzulegen?

Hier bekommt für mich #aufrechtsitzen seine Bedeutung. Nicht als Schlagwort, sondern als gelebte Praxis. #aufrechtsitzen beschreibt für mich diese innere Ausrichtung sehr genau. Da sein. Präsenz zeigen. Den eigenen Standpunkt kennen. Sichtbar bleiben, ohne laut sein zu müssen. Es geht nicht um Pose, sondern um Aufrichtung.

Dieses Aufrechtsein hat nichts mit Starrheit zu tun. Es braucht Beweglichkeit. Die Bereitschaft, Perspektiven zu wechseln. Fragen zuzulassen. Und gleichzeitig den eigenen Kern nicht aus den Augen zu verlieren. Zuversicht entsteht genau dort – zwischen Klarheit und Offenheit.

Das neue Jahr wird fordern. Persönlich, gesellschaftlich, beruflich. Es wird Momente geben, in denen Entscheidungen nicht eindeutig sind. In denen sich Wege verzögern. In denen Geduld gefragt ist. Meine innere Ausrichtung hilft mir, in diesen Momenten nicht in Aktionismus zu verfallen, sondern präsent zu bleiben.

Ich merke, dass mir diese Ausrichtung mehr gibt als jedes große Ziel. Sie trägt mich durch den Alltag. Durch Gespräche, die Spannung haben. Durch Situationen, in denen es keine schnellen Lösungen gibt. Zuversicht bedeutet für mich, mir selbst zu vertrauen – und dem Prozess, in dem ich stehe.


Vielleicht ist das neue Jahr genau deshalb leise, weil es mich nicht antreiben will. Weil es mich einlädt, genauer hinzuhören. Nicht auf das, was laut ist, sondern auf das, was trägt.

Ich gehe in dieses Jahr mit einer inneren Ausrichtung, die mir Halt gibt, ohne mich festzulegen. Mit dem Vertrauen, dass Entwicklung Zeit braucht. Und mit der Gewissheit, dass Aufrechtsein nichts mit Härte zu tun hat, sondern mit Präsenz.

Das reicht mir für den Anfang.

#aufrechtsitzen

Ein Gedankenimpuls zum Heiligabend

Ein Gedankenimpuls zum Heiligabend

Heiligabend zwischen Lichterkette und Perspektivwechsel

Warum Weihnachten, Jahresende und Inklusion zusammengehören

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Heiligabend ist kein gewöhnlicher Tag. Für mich fühlt er sich jedes Jahr wie ein Übergang an – weg vom Alltag, hinein in eine Zeit, in der vieles langsamer wird. Termine verlieren an Bedeutung, To-do-Listen treten in den Hintergrund, Gespräche bekommen mehr Gewicht. Gleichzeitig ist dieser Abend stark aufgeladen mit Erwartungen. Nähe soll entstehen, Gemeinschaft soll sich selbstverständlich anfühlen, Harmonie scheint beinahe Pflicht zu sein. Genau diese Mischung aus Ruhe und Erwartungsdruck macht Heiligabend zu einem besonderen Moment – und zu einem, der viel über Inklusion erzählt.

Denn Inklusion ist keine abstrakte Idee und kein Konzept für Fachkreise. Sie zeigt sich besonders deutlich dort, wo vieles als selbstverständlich gilt. An einem Abend, der so stark von Ritualen, Bildern und Traditionen geprägt ist, wird sichtbar, wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erleben – und wie sehr Zugehörigkeit von Rahmenbedingungen abhängt.

Ein Kopf im Profil, auf den Teile eines Puzzles fallen
Ein Mensch, sitzend, etwas gebeugt, die Hände zur Raute gefaltet. Ihm gegenüber eine nicht sichtbare Person, die offensichtlich eine Kladde und einen Stift hält

Weihnachten wird sehr unterschiedlich erlebt

So verbindend Weihnachten für viele Menschen ist, so herausfordernd kann diese Zeit für andere sein. Unterschiedliche Lebensrealitäten, körperliche oder psychische Voraussetzungen, familiäre Konstellationen oder biografische Erfahrungen prägen den Blick auf Heiligabend. Für manche bedeutet dieser Abend Geborgenheit, für andere Anspannung, Überforderung oder den Wunsch nach Rückzug.

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder dieser Vielfalt an Perspektiven. Und genau hier beginnt Inklusion: mit Anerkennung. Es gibt nicht das eine „richtige“ Weihnachten. Teilhabe heißt nicht, dass alle das Gleiche tun oder fühlen müssen. Sie bedeutet, Unterschiede ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Gerade an Heiligabend zeigt sich, wie wichtig es ist, Vielfalt nicht nur zu akzeptieren, sondern sie bewusst mitzudenken.

Diese Haltung fordert heraus, weil sie gewohnte Bilder infrage stellt. Sie lädt dazu ein, eigene Erwartungen zu überprüfen und zuzulassen, dass Gemeinschaft unterschiedlich gelebt wird. Genau darin liegt eine große Stärke inklusiver Ansätze: Sie öffnen Räume, statt sie zu verengen.

Rituale, Normen und unsichtbare Barrieren

Feiertage leben von Ritualen. Sie geben Halt, Orientierung und ein Gefühl von Verlässlichkeit. Gleichzeitig können genau diese Rituale zu Barrieren werden, wenn sie als unveränderlich gelten. Lautstärke, Dauer des Zusammenseins, räumliche Enge, feste Zeitpläne oder bestimmte Kommunikationsformen wirken nicht auf alle Menschen gleich.

Inklusion zeigt sich hier im Umgang mit Normen. Es geht nicht darum, Traditionen abzuschaffen oder alles neu zu erfinden. Vielmehr geht es darum, Rituale flexibel zu denken. Kleine Anpassungen können eine große Wirkung entfalten: klarere Absprachen, Pausen ohne Rechtfertigung, alternative Rückzugsorte oder das bewusste Zurücknehmen von Erwartungen.

Ich erlebe oft, dass genau diese kleinen Veränderungen Gemeinschaft nicht schwächen, sondern stärken. Inklusive Rituale zeichnen sich nicht durch Perfektion aus, sondern durch Offenheit und Anpassungsfähigkeit.

Eine weibliche Person, die im Schatten steht und die Arme Richting Sonne reckt

Heiligabend als Spiegel für Haltung und Beziehung

An kaum einem anderen Tag wird so deutlich, wie wir Beziehungen gestalten. Heiligabend legt offen, wer selbstverständlich dazugehört – und wer sich eher am Rand bewegt. Wer wird mitgedacht? Wer fühlt sich eingeladen, ohne sich erklären zu müssen? Und wo entstehen unbewusst Ausschlüsse?

Inklusion ist hier keine Frage von guten Absichten, sondern von Wirkung. Gut gemeinte Routinen können ausgrenzen, ohne dass es jemand beabsichtigt. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die eigene Haltung. Nicht mit Schuldgefühlen, sondern mit Neugier. Was erleichtert Teilhabe? Und was macht sie unnötig kompliziert?

Diese Fragen wirken über den Abend hinaus. Sie verändern, wie wir Beziehungen wahrnehmen – im Privaten genauso wie im beruflichen Kontext.

Der Übergang zum Jahresende – ohne Aktionismus

Heiligabend ist kein Neujahr. Und doch markiert dieser Abend einen Übergang. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, das Tempo sinkt, der Blick richtet sich langsam nach vorn. Inklusion braucht in diesem Moment keine großen Vorsätze oder ambitionierten Programme.

Was sie braucht, ist Klarheit über Haltung. Im privaten Umfeld genauso wie im beruflichen Kontext stellt sich die Frage, wie Strukturen gestaltet sind. Wer fühlt sich angesprochen? Wer bleibt unsichtbar? Welche Zugänge gelten als selbstverständlich – und für wen?

Der Jahreswechsel bietet die Gelegenheit, diese Fragen bewusster mitzunehmen. Nicht um sofort Antworten zu liefern, sondern um Perspektiven zu schärfen. Allein das Wahrnehmen verändert bereits etwas.

 

 

 

Eine weibliche Person, die im Schatten steht und die Arme Richting Sonne reckt

Inklusion endet nicht an der Bürotür

Auch im Arbeitskontext wirkt diese Zeit nach. Jahresabschlüsse, Weihnachtsfeiern, informelle Gespräche oder der Blick auf das kommende Jahr machen sichtbar, wie inklusiv Organisationen wirklich sind. Wer wird gehört? Wer traut sich, Bedürfnisse anzusprechen? Und wo herrscht der unausgesprochene Wunsch, möglichst reibungslos zu funktionieren?

Inklusion zeigt sich nicht in Hochglanzleitbildern, sondern in alltäglichen Entscheidungen. In der Art, wie Meetings gestaltet werden. In der Frage, ob Vielfalt als Bereicherung oder als Störung wahrgenommen wird. Die Zeit rund um Weihnachten eignet sich gut, um diese Themen leise, aber wirksam zu reflektieren.

Die Tage nach Weihnachten haben einen eigenen Charakter. Der Kalender wird leerer, Routinen lösen sich auf, Zeit fühlt sich anders an. Genau in dieser Phase entsteht Raum für Entwicklung. Nicht durch große Schritte, sondern durch leise Veränderungen.

Inklusion wächst im Alltag. Sie entsteht dort, wo Menschen sich einbringen können, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. Wo Unterschiedlichkeit nicht kommentiert, sondern akzeptiert wird. Und wo Haltung wichtiger ist als schnelle Lösungen.

Diese Entwicklung ist selten spektakulär. Sie lebt von Wiederholung, Aufmerksamkeit und dem Mut, auch Unfertiges auszuhalten.

Heiligabend als Einladung

Vielleicht ist Heiligabend genau deshalb ein guter Moment, um innezuhalten. Nicht um alles zu verändern, sondern um sensibler zu werden für das, was Menschen brauchen, um sich zugehörig zu fühlen. Inklusion beginnt leise – mit Zuhören, mit Respekt und mit der Bereitschaft, den eigenen Blick zu weiten.

Wenn dieser Gedanke den Abend begleitet, wirkt er über Weihnachten hinaus. Dann wird Heiligabend zu mehr als einem Ritual: zu einer Einladung, Gemeinschaft bewusster zu gestalten – heute, morgen und im kommenden Jahr.

Wenn du diesen Text liest, nimm dir gern einen Moment und frage dich:
Wo kann ich Teilhabe einfacher machen?
Manchmal beginnt Veränderung genau mit dieser Frage.

Ein ruhiger Heiligabend.
Mit Raum für Vielfalt, für leise Töne und für einen offenen Blick auf das, was kommt. 🎄✨

Wenn Teilhabe an fehlender Barrierefreiheit scheitert….!

Wenn Teilhabe an fehlender Barrierefreiheit scheitert….!

Kein Plan B bei der DB: Wenn defekte Aufzüge am Kölner HBF Menschen ausgrenzen

 

 

Bahnhöfe wie der Kölner Hauptbahnhof sind zentrale Knotenpunkte unserer Mobilität. Doch was viele nicht sehen: Für Menschen, die auf Aufzüge angewiesen sind, kann ein Ausfall alles zunichtemachen – nicht nur für Freizeitaktivitäten, sondern auch für berufliche Verpflichtungen. Genau das erlebe ich gerade. Und nein, ich bin nicht auf dem Weg zu einem privaten Besuch, sondern zu einem wichtigen Vernetzungstermin mit anderen Coaches, den ich wegen der mangelnden Barrierefreiheit nicht wahrnehmen kann.

Natürlich könnte ich auch mit dem Auto nach Köln fahren. Aber als politisch denkender Mensch ist es mir wichtig, Ressourcen zu schonen und mich möglichst umweltverträglich von A nach B zu bewegen. Deshalb habe ich mich bewusst für den Zug entschieden – und bin jetzt umso frustrierter, dass diese klimafreundliche Option durch mangelnde Barrierefreiheit unbrauchbar wird.

Am Kölner HBF stelle ich fest, dass der Aufzug an meinem Bahnsteig defekt ist. Ich melde mich, um Hilfe zu bekommen, und werde erst einmal sehr lange warten gelassen. Diese Wartezeit ist nervenaufreibend und zeigt, wie wenig selbstverständlich schnelle Unterstützung für mobilitätseingeschränkte Menschen ist. Dabei ist Zeit nicht nur kostbar, sondern in meinem Fall entscheidend: Ein verpasster Termin bedeutet verlorene berufliche Chancen, Imageverlust und möglicherweise finanzielle Einbußen.

Nach geraumer Zeit erscheint ein freundlicher Mitarbeiter der DB und schlägt vor, nach Düsseldorf-Benrath weiterzufahren. Andere Bahnhöfe in Köln seien nicht barrierefrei; ich könne dort auf einem anderen Gleis den Zug zurück nach Köln nehmen. Schon dieser „Umweg“ ist eine Zumutung: zeitaufwendig, umständlich und keineswegs eine gleichwertige Lösung. Doch es wird noch schlimmer: Als ich nach meiner Rückkehr am Kölner Hauptbahnhof ankomme, sind mittlerweile alle anderen Aufzüge ebenfalls defekt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als meine Reise abzubrechen und den Weg nach Hause anzutreten. Mein Termin zum „Coach Camp-das Meetup – für mich ein wichtiger Termin, um mein Netzwerk auch offline zu pflegen – ist damit hin.

 

 

 

Aufzugschalterplatte zeigt ein Einbahnstraßensymbol, dies bedeutet "Aufzug defekt"
Rollstuhlfahrer steht vor einem Aufzug und betätigt einen Knopf

Fehlende Alternativen und mangelndes Problembewusstsein

Viele Bahnhöfe entstehen in einer Zeit, in der Barrierefreiheit kein Thema ist. Rampen oder zweite Aufzüge sind nicht vorgesehen, nachträgliche Lösungen scheitern oft an Platzmangel, baulichen Hürden oder finanziellen Bedenken. Noch immer fehlt vielerorts das Bewusstsein, dass Barrierefreiheit kein Luxus ist, sondern ein Menschenrecht.

An zentralen Bahnhöfen wie dem Kölner HBF gibt es bis heute keine durchdachten Notfallkonzepte. Weder geschultes Hilfspersonal, das proaktiv unterstützt, noch barrierefreie Ersatzwege oder kurzfristig organisierbare Shuttle-Möglichkeiten stehen zur Verfügung. Für Reisende ohne Behinderung ist ein Bahnsteigwechsel oft eine Sache von wenigen Minuten – für Menschen mit Behinderung wird dieselbe Situation schnell zur unüberwindbaren Barriere.

 

 

Warum passiert nichts?

Es ist erschreckend, dass Barrierefreiheit vielerorts noch immer als „nice to have“ betrachtet wird und nicht als Grundvoraussetzung für eine inklusive Gesellschaft. Sie ermöglicht Menschen, selbstbestimmt am Berufs- und Sozialleben teilzuhaben – oder schließt sie aus, wenn sie fehlt. Immer wieder verweisen Verantwortliche auf „laufende Planungen“, doch konkrete Verbesserungen lassen oft jahrelang auf sich warten. Die Instandhaltung von Aufzügen wird zwar priorisiert, aber Ersatzaufzüge oder alternative Lösungen fehlen. Hinzu kommen komplizierte Zuständigkeiten zwischen Bahnunternehmen, Bund, Ländern und Kommunen, die dazu führen, dass Verantwortung hin- und hergeschoben wird, anstatt Lösungen voranzubringen.

Auch die Kommunikation ist ein großes Problem: Informationen über defekte Aufzüge kommen häufig verspätet oder gar nicht, in Apps oder Durchsagen fehlen sie oft komplett. Für Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, ist das ein echtes Desaster.

 

Verwaister Bahnsteig

Die sozialen und beruflichen Folgen

Die sozialen und beruflichen Folgen solcher Situationen sind enorm. Wenn Geschäftstermine durch defekte Aufzüge platzen, verlieren Menschen mit Behinderung Chancen in Bewerbungsprozessen, beim Netzwerken oder bei wichtigen Gesprächen mit Kund*innen. Schon ein einzelner Aufzugsausfall kann dazu führen, dass Menschen mit Behinderung nicht zu privaten, beruflichen oder kulturellen Veranstaltungen gelangen und spontane Teilhabe unmöglich wird. Wer mehrfach erlebt, dass Bahnreisen scheitern, zieht sich irgendwann frustriert zurück, was zu sozialer Isolation führt und die Lebensqualität erheblich einschränkt. Die ständige Angst vor einem Ausfall – die Frage „Geht der Aufzug heute?“ – erzeugt massiven Stress, Hilflosigkeit und das Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Solche Barrieren senden letztlich ein fatales Signal: „Deine Teilhabe ist nicht wichtig.“ Sie prägen das Bild von Menschen mit Behinderung als Ausnahmefall statt als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft.

 

 

 

Frau im Rollstuhl mit traurigem Blick in einem abgedunkelten Raum

Was sich ändern muss!

Barrierefreiheit darf kein Extra sein, sondern muss grundlegender Bestandteil unserer Infrastruktur sein, insbesondere an großen Bahnhöfen wie dem Kölner HBF. Es braucht verbindliche Notfallkonzepte, zum Beispiel barrierefreie Shuttles oder schnell verfügbare mobile Rampen, und geschultes Personal, das weiß, wie es in solchen Situationen schnell helfen kann. Investitionen in redundante Aufzüge oder alternative Wege, wie barrierefreie Seiteneingänge oder Rampensysteme, sind ebenso unerlässlich wie eine Kommunikation in Echtzeit, die es Betroffenen ermöglicht, rechtzeitig auf Ausfälle zu reagieren. Vor allem aber braucht es einen Kulturwandel: Barrierefreiheit muss als selbstverständliches Grundrecht verstanden werden und darf nicht länger als optionale Aufgabe gelten, die bei Engpässen einfach hinten runterfällt.

 

Techniker, der Aufzug repariert

Barrierefreiheit nützt allen

Barrierefreie Bahnhöfe sind keine Sonderlösungen für wenige, sondern ein Gewinn für alle. Menschen mit Kinderwagen, ältere Menschen oder Reisende mit schwerem Gepäck profitieren ebenso. Sie ermöglichen spontane und flexible Mobilität, was jeder Stadt und der gesamten Gesellschaft zugutekommt.

Wenn die DB keinen Plan B hat, werden Menschen ausgeschlossen – beruflich und gesellschaftlich. Es ist höchste Zeit, Barrierefreiheit als unverzichtbaren Teil der Infrastruktur zu verstehen und konsequent umzusetzen, um Menschen echte Teilhabe zu ermöglichen. Denn wer Barrieren abbaut, baut Brücken – für ein selbstverständliches, gleichberechtigtes Miteinander. 💪

 

Ein Schriftzug

Was Inklusion mit einem Lied von Eros Ramazzotti zu tun hat #aufrechtsitzen

Was Inklusion mit einem Lied von Eros Ramazzotti zu tun hat #aufrechtsitzen

Ein kleines Symbol mit großer Bedeutung

 

 

Im Song trägt der Protagonist einen „piccola pietra“ – einen kleinen Stein – bei sich. Er sagt, er wolle ihn dorthin bringen, wo es keinen Frieden gibt. Das klingt unspektakulär. Fast bescheiden. Und genau darin liegt die Kraft: Nicht jeder Wandel beginnt mit einem Knall. Vieles beginnt mit einem inneren Entschluss.

Der kleine Stein, den er bei sich trägt, wirkt unscheinbar – und sagt doch so viel über das aus, was Inklusion im Kern bedeutet. Auch sie beginnt leise. Vielleicht in einem Bewerbungsgespräch, bei dem ein Mensch mit Behinderung ernsthaft in Betracht gezogen wird – nicht als Pflichtübung, sondern aus echtem Interesse. Vielleicht auch, wenn eine Führungskraft sich fragt: Wo sind eigentlich die Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten in meinem Team?

Was mich daran so berührt: Es geht nicht um große Programme. Sondern um eine Haltung. Eine Bereitschaft, sich auf Vielfalt einzulassen, auch wenn sie irritiert. Der kleine Stein erinnert uns daran, dass es nicht um Perfektion geht, sondern um den ersten Schritt. Um eine Entscheidung. Und um den Mut, ihn zu gehen – auch ohne Garantie auf Applaus.

 

 

Steine
Die Weltkugel in beiden Händen

Verantwortung statt Heldentum 

Was mich an dem Lied besonders bewegt, ist die Haltung der Hauptfigur. Er geht nicht aus Abenteuerlust, nicht aus Flucht – sondern weil er etwas tun will. Etwas, das größer ist als sein persönliches Glück. Er verzichtet auf eine Nähe, die ihn erfüllt hätte. Und entscheidet sich stattdessen für einen Weg, der Mut erfordert. Der vielleicht sogar einsam ist.

Ich sehe darin eine Parallele zu vielen Menschen, die sich in sozialen, politischen oder inklusiven Bereichen engagieren – oft ohne Beifall. Auch in meinem Alltag als Coach und Berater erlebe ich das: Menschen, die sich einsetzen, die Strukturen verändern wollen, die sich unbequem machen. Nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie sich nicht raushalten wollen. Oft ist es nicht der lauteste Beitrag, sondern der konsequenteste, der wirklich etwas verändert.

Verantwortung beginnt nicht erst in der Führungsetage. Ich habe Klient*innen begleitet, die den Mut hatten, in einem Meeting zu sagen: „Können wir diesen Begriff bitte nicht mehr verwenden?“ Oder: „Ist der Raum wirklich für alle zugänglich?“ Das sind kleine Interventionen. Aber sie zeigen: Ich bin wach. Ich nehme wahr. Ich nehme teil.

Inklusion lebt von kleinen Schritten 

Oft wird Inklusion als etwas Großes verkauft. Als Projekt. Als Kampagne. Als Strategie. Und ja – strukturelle Veränderungen sind wichtig. Aber sie brauchen Menschen, die sie mit Leben füllen. Und das beginnt bei jedem Einzelnen. In unseren Rollen als Kolleg*innen, Führungskräfte, Veranstalter*innen, Dienstleister*innen, Freund*innen.

Ich selbst bin mit einer angeborenen Querschnittslähmung aufgewachsen. Der Rollstuhl ist für mich Alltag. Und genau deshalb weiß ich: Die entscheidenden Veränderungen passieren nicht in Hochglanzbroschüren. Sondern im Alltag. Wenn jemand beim Veranstaltungsort nicht fragt, ob ich komme, sondern was ich brauche. Wenn Menschen mir nicht sagen, wie beeindruckend ich bin – sondern mich einfach als Coach buchen, weil sie mir vertrauen. Wenn Klient*innen spüren: Da ist jemand, der nicht nur die Theorie kennt, sondern die Praxis.

Diese kleinen Erfahrungen sind es, die Vertrauen aufbauen. Die zeigen: Ich werde gesehen – nicht als Sonderfall, sondern als Teil des Ganzen. Inklusion lebt nicht von Sonderregelungen, sondern von gemeinsamen Spielräumen. Und die entstehen dort, wo Menschen bereit sind, mitzudenken. Ein Kollege hat mal gesagt: „Ich habe durch dich gelernt, besser zuzuhören.“ Das war für mich eines der größten Komplimente.

Menschen versammeln sich um Menschl der einen Rollstuhl nutzt

Der Stein in meiner Tasche 

Wenn ich über das Bild des kleinen Steins nachdenke, merke ich: Auch ich trage so einen mit mir herum. Für mich ist es der Wunsch, Räume zu öffnen. Gespräche anzustoßen. Und Menschen zu begleiten – mit und ohne Behinderung. Ich sehe mich nicht als Weltveränderer. Aber ich glaube daran, dass jede*r von uns einen Beitrag leisten kann. Nicht immer sichtbar. Aber wirksam. 

Diesen Stein habe ich nicht gesucht. Ich hatte ihn wahrscheinlich schon immer dabei. Manchmal war er schwer. Manchmal auch leicht. Aber er gehört zu mir. Und ich bin froh, ihn zu tragen. 

In einer Welt, in der so viele schreien und fordern, ist es manchmal dieser stille Auftrag, der am meisten bewegt. Wer hätte gedacht, dass ein Lied von Eros Ramazzotti mich daran erinnert? 

 

Und du? Was ist dein kleiner Stein? Und wohin trägst du ihn?
Lass uns darüber sprechen. Vielleicht entsteht daraus etwas Größeres. Vielleicht nicht sofort. Aber irgendwann. 

Denn aus kleinen Steinen entstehen Wege. 

Türspalt geöffnet

London Calling – Ich fahre hin. Und nehme viel mit zurück. Ein Reisebericht mit Perspektive

London Calling – Ich fahre hin. Und nehme viel mit zurück. Ein Reisebericht mit Perspektive

Mitten im geschehen

Die Wachablösung am Buckingham Palace war eindrucksvoll. Viel Zeremonie, viele Menschen – und ein klar abgegrenzter, gut sichtbarer barrierefreier Bereich, in dem ich einfach Teil des Ganzen sein konnte. Kein Gedränge, kein Mitleid. Stattdessen: gute Sicht und eine entspannte Atmosphäre. Wer wie ich darauf angewiesen ist, die Umgebung im Sitzen wahrzunehmen, weiß diese Art von Zugänglichkeit besonders zu schätzen. Es geht dabei nicht nur um Sichtachsen, sondern um die Frage: Werde ich mitgedacht oder übersehen?

Auch beim Verlassen des Geländes hatte ich Zeit, die Menschen um mich herum zu beobachten. Viele wollten nur das Foto – die Inszenierung. Ich hingegen nahm die Details wahr: das leichte Klirren von Metall, das Lächeln eines kleinen Kindes, die Art, wie Uniform und Tradition auf Neugier trafen. In solchen Momenten wird mir bewusst, wie anders ich unterwegs bin. Nicht nur wegen meines Rollstuhls, sondern weil ich Räume und Situationen anders wahrnehme. Vielleicht auch, weil ich gelernt habe, nicht alles für selbstverständlich zu halten – und gleichzeitig genau dafür zu kämpfen: für mehr Selbstverständlichkeit.

Ganz anders der Moment in der Westminster Cathedral. Ich gehe hinein, lasse das Gewölbe auf mich wirken. Keine Menschenmassen, keine Worte. Nur Ruhe. Und in dieser Ruhe spüre ich: Ich muss nichts leisten. Ich darf einfach da sein. Solche Orte fehlen uns oft im Alltag. Orte, die nicht erklären, sondern einladen. Der Besuch wurde zu einer unerwarteten Pause vom Tempo der Stadt – und gerade deshalb besonders.

 

 

Ein Rollstuhl macht mobil-nicht starr
Westminster Abbey
Frau in der Hocke am Boden sitzend

Vor der Legende – die Abbey Road

Ich war in der Abbey Road – aber nicht wegen des berühmten Zebrastreifens. Ich habe kein Foto gemacht, wie ich über die Straße fahre, so wie es viele Tourist*innen tun. Stattdessen blieb ich vor dem Abbey Road Shop stehen – genauer gesagt: vor der Zeittafel, die die Geschichte dieses weltberühmten Studios erzählt. Für mich war das der eigentliche Moment. Nicht das ikonische Bild, sondern die Erinnerung daran, dass hier von „The Beatles“ Musikgeschichte geschrieben wurde – und zwar über Jahrzehnte hinweg.

Es war ruhig an diesem Nachmittag. Während andere sich für das berühmte Foto am Zebrastreifen positionierten, las ich. Und dachte nach. Was bedeutet es, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst – auch wenn man nur für einen Moment vorbeikommt? Die Zeittafel erinnerte mich daran, dass vieles, was wir feiern, auch Raum braucht: für Stille, für Hintergrund, für Geschichte. Und dass man manchmal abseits des Spektakels genau die Tiefe findet, nach der man eigentlich sucht.

Kultur erleben – ohne Umwege

Ein weiteres Highlight war der Abend im Royal Opera House: Carmen. Großartige Stimmen, große Emotion – und: barrierefreier Zugang. Kein Suchen, kein Hintereingang, sondern ein Platz im Raum, auf Augenhöhe mit dem Geschehen. Kultur für alle – ganz konkret. Ich erlebte nicht nur die Oper, sondern auch, wie Organisation und Haltung zusammenspielen. Personal, das nicht belehrt, sondern begleitet, macht einen riesigen Unterschied.

Auch mein Besuch im Ronnie Scott’s Jazz Club bleibt unvergesslich. Die mobile Rampe, die fix am Haupteingang installiert wurde. Der Sound, , die Selbstverständlichkeit, mit der ich willkommen war – all das passte.. Kein Bonus. Einfach Respekt. Und das reicht völlig. Wer inklusive Gastfreundschaft erleben will, muss nicht in ein ‚Spezialprogramm‘ – manchmal reicht ein Ort, der wirklich offen ist.

Royal Opera

Alltag als Gradmesser

Covent Garden laut, lebendig, vielseitig. Zwischen Straßenmusik, improvisierten Auftritten und Tourist*innen mit Kameras blieb ich stehen, ließ mich treiben, schaute zu. Kein besonderer Moment, keine große Erkenntnis – aber einer dieser Tage, an denen einfach alles ineinandergreift. Ich war unterwegs, habe gegessen, mich treiben lassen – und war genau da, wo ich sein wollte.

Der Platz mit seinen großformatigen Pflastersteinen hatte es allerdings in sich. Ich musste schon aufpassen, nicht auf die Nase zu fallen. Für Rollstuhlnutzende keine Kleinigkeit – aber auch nichts, was mich ausgebremst hätte. Ich passe mich an, schiebe nach, halte gegen – wie so oft.

Was auffällt, wenn man viel unterwegs ist: wie Orte gestaltet sind. Ob man durchkommt, ob man bleiben kann, ob man gesehen wird – nicht als Ausnahme, sondern als jemand, der dazugehört, weil er eben da ist. In London hatte ich oft das Gefühl: Hier wurde mitgedacht. Nicht mehr und nicht weniger.

Darum geht es für mich bei Inklusion: nicht um Aufmerksamkeit, nicht um Sonderwege – sondern um Alltag, der für viele funktioniert. Ohne es zu betonen.

Covent Garden

Bewegung in die richtige Richtung

Und dann: die roten Busse. Ich bin viel gefahren – und jedes Mal war es unkompliziert. Rampe raus, Einstieg freundlich, kein großes Tamtam. Fast alle Busse in London sind barrierefrei – und zwar so selbstverständlich, dass es auffällt. Im besten Sinne. Genau so stelle ich mir Teilhabe vor – nicht nur im Verkehr, sondern auch im Berufsleben. Es geht nicht darum, jedes Hindernis zu beklagen. Es geht darum, Lösungen zur Normalität zu machen. Der öffentliche Raum zeigt, wie sichtbar Haltung wird – oder eben nicht. Wenn technische Lösungen mit menschlicher Freundlichkeit zusammentreffen, entstehen Räume, die wirklich offen sind.

Was mir besonders auffiel: Die Fahrer*innen warteten, bis ich sicher eingestiegen war. Niemand drängelte, niemand rollte mit den Augen. Es war einfach Teil des Ablaufs. Diese Selbstverständlichkeit macht viel aus. Nicht, weil sie spektakulär ist – sondern weil sie in der Routine sichtbar wird. Und genau da zeigt sich Haltung: nicht im großen Auftritt, sondern im täglichen Tun.

 

 

London Bus
Grauzone

Was bleibt?

London ist nicht perfekt. Aber es zeigt: Es geht anders. Es geht inklusiver. Und das wirkt. Auf die Haltung. Auf das Miteinander. Aufs Lebensgefühl. Mir wurde auf dieser Reise erneut bewusst, wie stark uns Strukturen prägen – und wie befreiend es ist, wenn sie endlich einmal funktionieren.

Wenn du dir mehr Klarheit, neue Perspektiven oder einfach jemanden an deiner Seite wünschst, der dir nicht sagt, wie es geht – sondern mit dir den Raum öffnet, in dem du es selbst herausfindest: Ich bin da.

Ich begleite Menschen mit und ohne Behinderung – strukturiert, zugewandt, mit Humor und ohne Umwege.

Was mir besonders auffiel: Die Fahrer*innen warteten, bis ich sicher eingestiegen war. Niemand drängelte, niemand rollte mit den Augen. Es war einfach Teil des Ablaufs. Diese Selbstverständlichkeit macht viel aus. Nicht, weil sie spektakulär ist – sondern weil sie in der Routine sichtbar wird. Und genau da zeigt sich Haltung: nicht im großen Auftritt, sondern im täglichen Tun.

Wenn du nicht behindert genug bist – Gedanken zur Unsichtbarkeit innerhalb der Vielfalt

Wenn du nicht behindert genug bist – Gedanken zur Unsichtbarkeit innerhalb der Vielfalt

Behinderung jenseits des Sichtbaren – wer nicht ins Raster passt

Viele Behinderungen bleiben unsichtbar – besonders, wenn sie erst im späteren Leben entstehen. Menschen, die als „nicht behindert genug“ gelten und deshalb kaum Aufmerksamkeit oder Unterstützung erhalten. Für viele von ihnen gibt es keine passenden Hilfsmittel – oder sie bringen im Alltag keinen wirklichen Nutzen. Ihre Einschränkungen sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, doch sie verändern den Alltag grundlegend. Zugänglichkeit bedeutet für sie manchmal: nicht teilzunehmen, weil es schlicht keine passende Lösung gibt. Und dann gibt es diejenigen, die sich bewusst zurückziehen – aus Angst, abgestempelt zu werden oder weil sie kein Etikett tragen wollen. 

Diese Perspektive hat mich nicht losgelassen. Denn sie zeigt ein Spannungsfeld, über das wir viel zu selten sprechen – gerade in einer Zeit, in der Inklusion oft als „Zustand“ dargestellt wird, den man einfach herstellt. Ein barrierefreier Eingang, ein Symbolbild auf der Website, ein Inklusionstag im Kalender – fertig. 

Aber so funktioniert es nicht. 

Ein Mann in der Vorderansicht
Frau in der Hocke am Boden sitzend

Auch innerhalb der Community: Wenn Abgrenzung von innen kommt

Ich selbst sitze seit Geburt im Rollstuhl – und trotzdem kenne ich die Erfahrung, als „nicht behindert genug“ wahrgenommen zu werden. Nicht etwa von außenstehenden Personen, sondern von anderen Menschen mit Behinderung. 

Sätze wie: „Du hast einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt, lebst selbstbestimmt, brauchst keine Assistenz – was willst du anderen erzählen?“ 
Ich habe das nicht nur einmal gehört. 

Diese Aussagen tun weh. Weil sie einen Vergleich aufmachen, der auf Abwertung basiert. Weil sie die individuelle Anstrengung unsichtbar machen. Und weil sie die Vielfalt innerhalb der Community ausblenden – obwohl genau die unser größtes Potenzial ist. 

Zugänglichkeit heißt nicht nur, dass ich mit meinem Rollstuhl ins Gebäude komme. Sie bedeutet auch: psychische Sicherheit, Verständnis für nicht offensichtliche Einschränkungen, Flexibilität, wo keine Standardlösung greift. 

Und manchmal bedeutet sie, überhaupt gesehen zu werden. Auch dann, wenn keine Assistenz im Hintergrund sichtbar ist, kein Hilfsmittel hervorsticht oder kein Diagnoseblatt vorliegt. Oder wenn man sich lieber nicht labeln lässt – weil das Label vielleicht mehr Hürden als Türen schafft. 

Zugänglichkeit kann auch heißen, dass man nicht erklären muss, warum man nur einen halben Tag schafft. Oder warum man sich zu bestimmten Veranstaltungen nicht anmeldet, weil der Energieaufwand zu hoch wäre. Oder weil man keinen Ort findet, an dem die eigene Einschränkung überhaupt mitgedacht wird. 

Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: Psychische Erkrankungen sind keine Randerscheinung, sondern eine zentrale Herausforderung der modernen Arbeitswelt. Sie betreffen nicht nur Einzelpersonen, sondern auch die Teams, die Unternehmen und die gesamte Gesellschaft. 

Rückzug, Schweigen, Unsichtbarkeit – wenn Schutz wichtiger ist als Sichtbarkeit 

Viele Menschen mit unsichtbaren oder später erworbenen Behinderungen erleben genau das: Sie passen nicht ins Raster. Sie fühlen sich weder in der Welt der „Nichtbehinderten“ ganz zugehörig, noch werden sie innerhalb der Behinderten-Community immer anerkannt. 

Was bleibt, ist oft Rückzug. Schweigen. Und ein Gefühl von Unsicherheit, ob man überhaupt „mitsprechen darf“. 

Gerade die vielen, die sich nicht laut zu Wort melden, die nicht auf Bühnen oder Panels sitzen, die keine Hashtags posten – sie bringen eine Realität mit, die uns zeigen kann, wie unvollständig unser Bild von Inklusion noch ist. 

Und es gibt auch jene, die sich irgendwann bewusst entscheiden, ihr Thema nicht öffentlich zu machen. Aus Selbstschutz. Aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes. Oder weil sie erlebt haben, wie wenig Verständnis ihnen entgegengebracht wurde, als sie es einmal versucht haben. 

Ein weiterer Aspekt, der häufig übersehen wird: Der Übergang von chronischer Krankheit zu einer Form von Behinderung. Viele Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Einschränkungen, die ihre Teilhabe stark beeinträchtigen – ohne je als „behindert“ zu gelten. 

Rheuma, Long Covid, chronische Erschöpfung, Migräne, Endometriose, Diabetes mit Folgekomplikationen – all das kann den Alltag massiv verändern. Die betroffenen Personen funktionieren oft weiter – mit Schmerzmitteln, stillen Rückzügen oder cleverem Zeitmanagement. Doch das Bild von ihnen bleibt oft: belastbar, leistungsfähig, „ganz normal“. 

Solche Lebensrealitäten fallen durchs Raster – in der Gesetzgebung, in der öffentlichen Wahrnehmung, im Diskurs über Inklusion. 

Nicht jede Behinderung lässt sich „ausgleichen“. Viele erleben, dass es für ihre Einschränkung keine praktikablen Lösungen gibt – oder dass gerade Hilfsmittel neue Barrieren mit sich bringen. Technische Unterstützung ist nicht immer die Antwort. Manchmal geht es um soziale Hürden, mentale Belastungen oder um das Gefühl, schlicht übersehen zu werden. 

Schweigen
Grauzone

Inklusion weiterdenken – mehr Raum für Uneindeutigkeit und Grauzonen 

In einer Gesellschaft, die stark auf Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung ausgerichtet ist, fällt es Menschen mit unsichtbaren Behinderungen oft besonders schwer, offen über ihre Situation zu sprechen. 

Denn mit dem Outing kommt häufig nicht Erleichterung – sondern die Angst vor Nachteilen. Im Beruf. Im Freundeskreis. In der medizinischen Versorgung. 

Dieser Druck führt nicht selten dazu, dass Menschen sich anpassen, ihre Grenzen überschreiten, sich durchkämpfen – bis es irgendwann nicht mehr geht. 

Inklusion darf nicht bedeuten: „Du darfst dazugehören – solange du es gut kompensierst.“ 
Sie sollte heißen: „Du darfst dazugehören – auch wenn du es heute nicht kannst.“ 

Inklusion bedeutet nicht nur, zwischen Menschen mit und ohne Behinderung Brücken zu bauen. Es bedeutet auch, die inneren Spannungen, Hierarchien und Ausgrenzungen innerhalb der Community zu sehen – und offen anzusprechen. 

Denn: Wenn wir Inklusion ernst meinen, müssen wir auch aufhören, Menschen mit Behinderung nach „Grad“, „Nutzen“ oder „Sichtbarkeit“ zu sortieren. 

Was wir brauchen, ist eine breitere Definition von Behinderung, die nicht nur medizinisch oder amtlich gedacht ist – sondern gesellschaftlich, individuell und kontextbezogen. Eine Definition, die die Grauzonen mitdenkt. Die Übergänge, die Unsicherheiten, die versteckten Kämpfe. Und die nicht fragt: Reicht das für einen Ausweis?, sondern: Was brauchst du, damit du teilhaben kannst? 

Zum Schluss ein Gedanke

Vielleicht beginnt echte Inklusion genau da, wo wir uns gegenseitig zuhören – auch dann, wenn die Erfahrungen nicht deckungsgleich sind. Vielleicht wächst Gemeinschaft nicht durch Gleichheit, sondern durch gegenseitige Anerkennung der Unterschiede. 

Und vielleicht sollten wir aufhören, Repräsentation mit Vereinfachung zu verwechseln. 

Denn ein Bild, das nur eine Realität zeigt, macht viele andere unsichtbar. 

Gemeinschaft bilden