Männer mit Behinderung – werden sie als vollwertige Männer wahrgenommen?
Männlichkeit und der Blick der Gesellschaft
Männlichkeit ist kein neutraler Begriff. Sie entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in gesellschaftlichen Bildern, Erwartungen und stillen Übereinkünften darüber, was als „männlich“ gilt. Diese Vorstellungen wirken oft so selbstverständlich, dass sie kaum noch hinterfragt werden. Und doch prägen sie unser Denken darüber, wer als Mann gilt, wem Autorität zugesprochen wird und wessen Lebensweise als normal erscheint.
Solange jemand diesem Bild entspricht, bleibt es unsichtbar. Erst dort, wo jemand davon abweicht, wird deutlich, wie eng dieses Bild eigentlich ist. Genau an dieser Stelle geraten viele Männer mit Behinderung unter Druck – nicht laut, nicht offen, sondern subtil und dauerhaft. Nicht, weil sie weniger leisten oder weniger Verantwortung übernehmen, sondern weil ihr Körper nicht zu den normierten Vorstellungen von Männlichkeit passt, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind.
Diese Spannung bleibt selten folgenlos. Sie wirkt in Alltagsbegegnungen, im Berufsleben, in Beziehungen – und besonders dort, wo Männlichkeit öffentlich verhandelt wird. Oft zeigt sie sich nicht in offenen Zurückweisungen, sondern in Erwartungen, die leise nach unten korrigiert werden. In Fragen, die man sonst nicht stellen würde. In dem unausgesprochenen Zweifel, ob jemand „das wirklich kann“. Männlichkeit wird dabei nicht offen bestritten, sondern schrittweise relativiert.
Männlichkeit als gesellschaftlicher Maßstab
Die Geschlechterforschung beschreibt dieses Phänomen seit Jahrzehnten. Der Soziologe Raewyn Connell prägte mit dem Begriff der hegemonialen Männlichkeit ein Konzept, das erklärt, warum bestimmte Männlichkeitsformen gesellschaftlich dominieren, obwohl sie real nur von wenigen Männern vollständig verkörpert werden. Dieses Ideal – stark, unabhängig, leistungsfähig, kontrolliert – fungiert als Maßstab.
Männer werden daran gemessen, wie nah sie diesem Ideal kommen. Wer ihm entspricht, profitiert von stiller Anerkennung. Wer davon abweicht, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Empirische Studien zeigen, dass Männer mit Behinderung in diesem System strukturell als Abweichung wahrgenommen werden. In qualitativen Untersuchungen wird deutlich, dass ihnen häufig Autonomie, Durchsetzungsfähigkeit und Kompetenz abgesprochen werden – unabhängig von ihrer tatsächlichen Lebensrealität.
Diese Zuschreibungen erfolgen selten offen. Sie zeigen sich vielmehr in der Art, wie Verantwortung verteilt wird, wie Gespräche geführt werden oder wie Entscheidungen vorbereitet sind. Genau diese impliziten Bewertungen entfalten eine große Wirkung. Sie beeinflussen, was man jemandem zutraut – und was nicht. Sie entscheiden darüber, wer als selbstverständlich zuständig gilt und wer sich erklären muss.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Genau diese stillen Mechanismen sind oft anstrengender als offene Barrieren. Nicht, weil sie laut wären, sondern weil sie schwer greifbar sind. Man merkt, dass etwas kippt – aber selten lässt sich genau benennen, wo und warum.
Behinderung zwischen Defizit und Überhöhung
Forschung aus den Disability Studies zeigt, wie hartnäckig Defizitlogiken wirken. Behinderung wird gesellschaftlich häufig mit Abhängigkeit, Passivität oder Schutzbedürftigkeit verknüpft. Diese Zuschreibungen kollidieren direkt mit klassischen Männlichkeitsnormen, in denen Autonomie, Kontrolle und Leistungsfähigkeit zentral sind.
Auffällig ist, dass Männer mit Behinderung häufig zwischen zwei Polen wahrgenommen werden. Entweder sie werden infantilisiert, überfürsorglich behandelt oder nicht als vollwertige Entscheidungsträger ernst genommen. Oder sie werden überhöht – als besonders stark, besonders mutig, besonders inspirierend, weil sie alltägliche Dinge bewältigen.
Beide Perspektiven haben eines gemeinsam: Sie machen Männer mit Behinderung zur Ausnahme. Anerkennung auf Augenhöhe bleibt aus. Denn Anerkennung bedeutet nicht Bewunderung oder Fürsorge, sondern Gleichwertigkeit.
Ich erlebe diese Spannung auch heute noch. Situationen, in denen Kompetenz entweder vorschnell angezweifelt oder übertrieben hervorgehoben wird. Beides fühlt sich nicht stimmig an. Beides verschiebt den Fokus weg von der Person hin zur Zuschreibung.
Öffentlichkeit als Prüfstein von Männlichkeit
Sexualität, Unabhängigkeit und stille Ausschlüsse
Diese Mechanismen setzen sich im Bereich von Sexualität fort. Studien zeigen, dass Menschen mit Behinderung deutlich seltener als sexuell begehrenswert oder partnerschaftsfähig wahrgenommen werden.
Der Soziologe Tom Shakespeare beschreibt diesen Prozess als gesellschaftlich erzeugte Desexualisierung. Nicht körperliche Einschränkungen verhindern Sexualität, sondern soziale Barrieren, Vorurteile und asexuierende Zuschreibungen. Sexualität wird nicht offen verweigert, sondern ausgeblendet.
Für Männer ist das besonders folgenreich, weil Sexualität gesellschaftlich eng mit Männlichkeit verknüpft ist. Wird Sexualität ausgeblendet, wird auch Männlichkeit relativiert.
Eng damit verbunden ist der Mythos der Unabhängigkeit. Klassische Männlichkeitsbilder setzen Autonomie fast selbstverständlich voraus. Forschung zeigt jedoch deutlich: Kein Mensch lebt unabhängig. Beziehungen, Unterstützung und Abhängigkeiten gehören zum Leben.
Für Männer mit Behinderung wird dieser Widerspruch besonders sichtbar, weil Unterstützungsbedarfe offen zutage treten. Das Problem liegt nicht in der Unterstützung selbst, sondern in ihrer negativen Bewertung. Abhängigkeit gilt noch immer als Gegenpol zu Männlichkeit – und genau hier zeigt sich, wie brüchig dieses Bild ist.
Die Frage, ob Männer mit Behinderung als vollwertige Männer wahrgenommen werden, führt damit zu einer klaren Erkenntnis: Nicht der Körper ist das Problem, sondern der Blick auf ihn. Nicht die Behinderung stellt Männlichkeit infrage, sondern ein normatives Männerbild, das körperliche Abweichung als Makel interpretiert.
Mir ist an dieser Stelle wichtig, eines klarzustellen. Diese Auseinandersetzung richtet sich nicht gegen die weiterhin notwendigen Bemühungen, die Teilhabe von Frauen zu verbessern. Gleichstellungspolitik bleibt unverzichtbar, weil strukturelle Benachteiligungen fortbestehen.
Die Reflexion von Männlichkeit steht dazu nicht im Widerspruch, sondern ergänzt sie. Starre Männerbilder wirken nicht nur begrenzend für Männer mit Behinderung, sondern stabilisieren auch Ungleichheiten insgesamt. Ein erweitertes Verständnis von Männlichkeit unterstützt deshalb das gemeinsame Ziel von mehr Gerechtigkeit und Teilhabe – für Frauen, für Männer und für alle, die sich in engen Rollenbildern nicht wiederfinden.
Ich schreibe diesen Text nicht, um Männlichkeit neu zu definieren. Und auch nicht, um Männer mit Behinderung in eine besondere Rolle zu stellen. Mir geht es um etwas anderes: um Selbstverständlichkeit.
Um die Selbstverständlichkeit, als Mann wahrgenommen zu werden – ohne Zusatz, ohne Relativierung, ohne Erklärung. Männlichkeit ist für mich keine Frage des Körpers. Sie zeigt sich in Haltung, in Verantwortung, im Umgang mit sich selbst und anderen.
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Perspektivwechsel: nicht zu fragen, ob Männer mit Behinderung „vollwertige Männer“ sind. Sondern zu fragen, warum unser Männerbild so eng ist, dass es diese Frage überhaupt braucht.
Männlichkeit ist kein Körperzustand.
Sie ist Ausdruck von Haltung, Verantwortung und Selbstverständnis.
Genau deshalb lohnt es sich, sie neu zu denken.
Zentrale Quellen und Studien
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→ Weiterentwicklung und Differenzierung des Konzepts hegemonialer Männlichkeit.
Gerschick, T. J., & Miller, A. S. (1995).
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→ Qualitative Studie zu Männlichkeit und körperlicher Behinderung.
Gerschick, T. J. (2000).
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→ Analyse von Männlichkeitskonstruktionen bei Männern mit Behinderung.
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→ Einordnung und Weiterentwicklung der Connell’schen Theorie.
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The myth of asexuality: A survey of social and empirical evidence.
Sexuality and Disability, 19(2), 91–109.
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Taleporos, G., & McCabe, M. P. (2002).
Body image and physical disability.
Sexuality and Disability, 20(1), 47–64.
→ Studie zu Körperbild, Sexualität und Selbstwahrnehmung.
Shakespeare, T. (2006).
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Shakespeare, T., & Richardson, S. (2018).
The Sexual Politics of Disability, Twenty Years On.
Scandinavian Journal of Disability Research, 20(1), 82–91.
DOI: 10.16993/sjdr.25
→ Aktuelle empirische Einordnung zur Desexualisierung von Menschen mit Behinderung.
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Dependence, independence or inter-dependence?
Ageing & Society, 25(4), 601–621.
→ Forschung zu Abhängigkeit, Care und gesellschaftlichen Normen.
Addis, M. E., Mansfield, A. K., & Syzdek, M. R. (2010).
Is “masculinity” a problem?
American Psychologist, 65(2), 77–87.
→ Zusammenhang von Männlichkeitsnormen und psychischer Gesundheit.
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